Mit frischem Mut

 rebstein

Antoine Rebstein, als Pianist einst hochgehandelt,
dirigiert seine erste Mahler-Symphonie mit dem Orchester der FU

„113 Orchestermusiker vor sich zu haben, dazu noch Chor und Solisten, das ist schon beeindruckend“, sagt Antoine Rebstein. „Es wird ziemlich voll werden auf der Bühne.“ Das Orchester der Freien Universität Berlin wird 20 Jahre alt und wagt sich zum Geburtstag mutig an eine der größten Herausforderungen, die das Repertoire einem Orchester stellen kann: Gustav Mahlers Auferstehungssymphonie. Zwei Aufführungen wird es geben, am 1. Februar um 19 Uhr in der Gethsemanekirche, am 5. Februar um 20 Uhr im Konzerthaus am Gendarmenmarkt.

Fünf Tage vorher ist Dirigent Antoine Rebstein freudig gespannt. Aber auch etwas unruhig, weil gerade beide Solistinnen krankheitsbedingt ausgefallen sind. Das wurde geregelt, doch wie immer mit viel Aufwand. Dass das Leben auch böse Überraschungen bereit hält und man immer flexibel bleiben muss, weiß Antoine Rebstein aus leidvoller Erfahrung: Der Schweizer stand am Beginn einer verheißungsvollen Pianistenkarriere, als ihm sein Körper plötzlich einen Strich durch die Rechnung machte.

Mit 17 Jahren hatte Rebstein ein Klavierstudium an der Hochschule Hanns Eisler aufgenommen, pendelte alle paar Wochen aus dem heimischen Lausanne nach Berlin, ehe er mit 19, nach dem Abitur, ganz an die Spree zog. Er studierte bei der renommierten Professorin Galina Iwanzowa und später in Salzburg. Er gewann Wettbewerbe, konzertierte in der Wigmore Hall und im Concertgebouw, spielte mit Dirigenten wie Yehudi Menuhin, David Zinman, Dmitrij Kitajenko und Jesús Lopez Cóbos und hatte eine erste CD mit Klavierkonzerten Schweizer Komponisten aufgenommen – als ihn plötzlich seine rechte Hand im Stich ließ.

„Es lief gerade richtig gut an. Ich musste einige Konzerte absagen, bis ich auf die Idee kam, Programme für die linke Hand anzubieten. Die meisten Veranstalter haben es akzeptiert. Beim Luzern-Festival habe ich Solo-Rezitale nur mit der linken Hand gespielt, das war schon spannend.“ Er nahm eine hochinteressante CD mit Einhänder-Repertoire für das renommierteste Schweizer Plattenlabel, Claves, auf und erfüllte seine Konzertverpflichtungen, versuchte sich dann aber neu zu orientieren. „Es gibt schon viel Repertoire. Und natürlich gibt es die Vorbilder Paul Wittgenstein, auf den die meisten Werke für linke Hand zurückgehen, und Leon Fleisher. Aber beide waren schon berühmt, als sie nur noch linkshändig spielen konnten. Sich eine Karriere nur mit einer Hand aufzubauen – ich weiß nicht, ob das geht.“

Seine ganze Lebensplanung hatte Rebstein, typisch Musiker, aufs Klavierspiel ausgerichtet. An Alternativen hatte er nie einen Gedanken verschwendet. „Das war schon bitter. Aber negative Phasen dauern bei mir nicht lange.“ Er begann Kunstgeschichte zu studieren, wechselte aber bald zurück zur Musik, ohne die er nicht leben konnte. Erst zum Chordirigieren, dann zum Orchesterdirigieren. 2007 kam er erneut nach Berlin und begann ein Studium bei Christian Ehwald an der Hanns Eisler in Berlin. Klavier spielt er nur noch für sich.

Seit Anfang 2013 ist Antoine Rebstein nun diplomierter Dirigent. Mit Mitte 30 wesentlich älter als die meisten Berufsanfänger, aber auch um viel Lebenserfahrung reicher als seine Konkurrenten um den Start ins Berufsleben. Denn das ist die Phase, in der er sich nun befindet. Eine gefährliche Phase für Dirigenten. So sinnvoll und wichtig ein Studium ist, in dem man sich mit Partituren auseinandersetzt und viele Techniken erlernt – wirklich Dirigieren lernt man vor allem bei der Arbeit mit und vor den Musikern.

Zwar ist Rebstein von klein auf gewöhnt, vor Publikum aufzutreten. „Doch als Pianist lebt man gern in seiner eingekapselten Welt. Als Dirigent muss man intensiv mit den Musikern kommunizieren, das ist etwas ganz anderes. Erst recht, wenn man als Anfänger vor einem Orchester mit erfahrenen Profis steht und die auch noch kritisieren muss. Das ist Übungssache, sich zu trauen und zu sagen, was man denkt. Als Dirigent ist man der Chef und verantwortlich für das Konzert. Man muss einen Weg finden, um seine musikalischen Ideen zu verwirklichen.“

Dass Rebstein seit 2009 sein „eigenes“ Orchester leitet, das der FU, ist da ein Riesenvorteil. „Zugegeben, das sind bis auf einige Ausnahmen Amateure. In den Streichern spielen vor allem Studenten, in den Bläsern auch viele Berufstätige, die zum Teil schon seit 20 Jahren, seit Gründung des Orchesters, dabei sind. Aber das Niveau ist erstaunlich hoch, die können Mahler und Schostakowitsch wirklich spielen. Nicht alles ist technisch perfekt. Aber viele Stellen sind wunderschön. Und sie reagieren auf mein Dirigieren, sie sind sehr aufmerksam. Die größte Schwierigkeit liegt eher darin, die Konzentration über anderthalb Stunden zu halten.“

80 Musiker spielen normalerweise im Orchester mit, das sich um einen festen Kern von Semester zu Semester neu zusammenfindet. Jeden Sonntag wird geprobt, am Ende des Semesters tritt man vors Publikum. „Das tolle an den Spielern ist, dass sie im Konzert alles geben. Mahlers Zweite ist Expressionismus pur, das passt ideal zur Energie unseres Orchesters. Brahms ist da schon schwieriger.“

Nun aber muss für Rebstein der nächste Schritt kommen. Immer wieder hat er mit Jugendorchestern gearbeitet und Opernprojekte geleitet. In Palermo hat er gerade das Neujahrskonzert mit dem Orchestra Sinfonica Siciliana dirigiert, als nächstes stehen Konzerte in Russland und Rumänien im Kalender. Aber eigentlich wäre es jetzt an der Zeit für ihn, ein Profi-Orchester zu übernehmen oder eine Stelle an einen Opernhaus anzutreten. Doch die Konkurrenz ist groß.

Noch ist Rebstein guter Dinge, und falls es in den nächsten Monaten nichts wird mit einem Festengagement, wird er vielleicht ein eigenes Orchester auf die Beine stellen. Dem Klavierspielen jedenfalls trauert nicht mehr nach: „Das Dirigieren eröffnet Dimensionen, die ich vorher nicht gekannt habe. Ich liebe es einfach. Eine Partitur tiefgründig zu erlernen und sich in den Charakter der Musik und des Komponisten hineinzuversetzen, ist eine spannende Arbeit.“

Drücken wir Antoine Rebstein also die Daumen. Für den nächsten Schritt als Dirigent. Und für die beiden Mahler-Aufführungen. Was er danach mit dem Orchester der FU einstudieren wird, weiß er noch nicht. „Wahrscheinlich etwas ruhigeres“, sagt er und lacht. „Die Sommersemester sind von der Stimmung her immer lockerer, da muss man ein leichteres Programm machen. Aber jetzt haben wir gerade zehn Hörner, zehn Trompeten, eine tolle Posaunengruppe und eine Tubistin. Wenn die dabei bleiben, werde ich doch wieder ein großes Stück ansetzen. Mal sehen.“

- Arnt Cobbers

 

 

 

 

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